Als Regionalleiterin von Pro Pallium unterstützt
Alexandra Gächter Familien mit schwerkranken
Kindern sowie Freiwillige in der Ostschweiz.
Mit Erfahrung, Ruhe und viel Empathie schafft sie
Entlastung im anstrengenden Alltag.

«Wenn ich mal eine Woche nur im Büro sitze und Administratives erledige, dann fehlen mir die Kinder – und die Erwachsenen auch», sagt Alexandra Gächter und lacht herzlich. Die 50-jährige Regionalleiterin Ostschweiz von Pro Pallium sitzt an diesem Nachmittag in einem Café am Bahnhof Olten, zwischen Pendlern und Pensionären. Ihre Augen leuchten hinter der markanten Brille, ihre haselnussbraunen Locken auch.
Wer ihr begegnet, spürt sofort: Hier sitzt eine Menschenfreundin. Eine, die genau hinhört, bedacht antwortet, gerne lacht – und selbst im Kleinsten etwas Positives findet. Immer wieder werde sie gefragt, wie sie die Arbeit mit sterbenskranken Kindern und ihren Familien aushalte. Alexandra Gächter hat für sich längst eine Antwort gefunden. «In jeder Tragik liegt auch sehr viel Schönes. Wenn ich den betroffenen Familien einen Moment der Entlastung schenken kann – ein bisschen Freude, besondere Erinnerungen, die bleiben – dann ist das so viel wert!»
Genau diese kleinen Momente tragen sie durch ihren Alltag. Sie erzählt von Besuchen bei Familien, in denen das schwerkranke Kind im Wohnzimmer liegt – daneben ein gesundes Geschwisterchen, das durch die Küche wirbelt. Das Lachen steckt alle an. «Weinen und Lachen liegen nahe beieinander. Wie das Leben und der Tod auch.»
Der passende Match
Als Regionalleiterin Ostschweiz begleitet Alexandra Gächter rund 30 Familien – und ähnlich viele Freiwillige. Ihr Einzugsgebiet reicht weit über St. Gallen hinaus bis Graubünden, Liechtenstein hinein ins Appenzellerland. Rund 25 Stunden im Monat sitzt sie im Auto, manchmal auch mehr, je nach Situation in den Familien. Der persönliche Kontakt ist ihr wichtig: «Viele Themen lassen sich nicht am Telefon klären. Ich mag es, den Menschen in die Augen zu schauen und an einem Tisch zu sitzen.»
Ein typischer Arbeitsalltag? «Gibt es nicht. Die Aufgaben sind so vielfältig wie die Menschen, mit denen ich zu tun habe.» Ihre zentrale Aufgabe ist, den passenden Match zwischen Familie und Freiwilligen zu finden. Wenn eine Familie sich meldet oder von einer Fachstelle zugewiesen wird, führt sie zuerst ein langes, sorgfältiges Gespräch. Sie fragt, hört zu, liest zwischen den Zeilen. «Es geht nicht darum, etwas überzustülpen. Sondern darum, was die Familie wirklich braucht – und wie unsere Freiwilligen entlasten können.»
Das kann sein: Hilfe bei administrativen Fragen, Unterstützung im komplexen Gesundheitssystem oder ganz praktisch: Ausflüge mit den gesunden Geschwistern, stundenweises Aufpassen, gemeinsames Spielen, einfach Dasein. «Manchmal braucht eine Mutter zwei Stunden für sich. Pro Pallium ermöglicht dies.»
Auch für die Freiwilligen hat Alexandra Gächter ein feines Gespür. Sie weiss, wo sie wohnen – lange Anfahrtswege will sie möglichst vermeiden –, kennt ihre Motivation, ihre Wünsche. «Einige arbeiten im Büro und wollen in der Freizeit etwas Sinnvolles tun. Andere sind pensioniert und selbst betroffen, weil sie beispielsweise ein Enkelkind verloren haben.» Die meisten sind Frauen. «Ich würde mir mehr Männer wünschen. Das Pflegesystem ist sehr frauenlastig – ein männlicher Pol könnte guttun.»
Kinderliebe – von Anfang an
Geboren und aufgewachsen ist Alexandra Gächter in Diepoldsau, einer ländlichen Gemeinde nahe des Rheins, nahe der Natur, nahe an Österreich. Bodenständig, geerdet – wie sie selbst. Schon als Kind wusste sie: «Ich will etwas mit Kindern machen!» Eine Zeit lang spielte sie mit dem Gedanken, Lehrerin zu werden. Zu viel Schule!, dachte sie mit 16 Jahren und schlug den Weg zur Kinderkrankenpflegerin ein. 22 Jahre arbeitete sie danach bei der Kinderspitex Ostschweiz – als Pflegefachfrau, später in der Einsatzleitung.
Gegen Ende 2020 schlich sich zum ersten Mal der Gedanke ein: Wie weiter? Was noch? Sie liebte die Arbeit, aber das Umfeld veränderte sich, Belastung und Stress nahmen zu. «Da habe ich gemerkt: Es stimmt nicht mehr.»
Die Stiftung Pro Pallium kannte sie bereits. Bei ihren Einsätzen für die Spitex traf sie immer wieder auf Freiwillige der Stiftung – sie betreuten die gesunden Geschwister, während Alexandra Gächter sich um das kranke Kind kümmerte. Von einer Freiwilligen wurde sie schliesslich auf die freie Stelle der Regionalleiterin hingewiesen. Die St. Gallerin überlegte nicht lange – und bewarb sich. Ein perfekter Match, sagt sie heute.
«Die Zeit nach dem Verlust ist enorm schwierig. Da wollen wir für die Familien weiterhin da sein.»
Ausbildung zur Trauerbegleitung
Mit der neuen Aufgabe kamen neue Herausforderungen. Vor allem in Gesprächen mit den Eltern und Angehörigen merkte sie, dass ihr Wissen und Sicherheit im Umgang mit Trauerprozessen fehlten. Deshalb absolvierte sie zusätzlich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Eine Aufgabe, die in ihrer Arbeit bei Pro Pallium immer wichtiger wird. «Die Begleitung hört nicht mit dem Tod auf. Sie führt oft darüber hinaus.»
Wo Familien während Jahren der intensiven Betreuung eines schwerkranken Kindes noch funktioniert hatten, das System engmaschig organisiert war, stellt sich nach dem Verlust eine Leere ein. Keine Kinder-Spitex. Keine Arztbesuche. Keine Therapien. Und oft kein Freundesnetz, weil während der Krankheitsphase keine Zeit blieb, eines zu pflegen. «Die Zeit nach dem Verlust ist enorm schwierig. Da wollen wir für die Familien weiterhin da sein.»
Gemeinsam Weinen
Eine Familie ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Ein kleiner Junge, noch kein Jahr alt, Diagnose: unerforschter Gendefekt. Keine Überlebenschance. Die Eltern entschieden sich bewusst für den palliativen Weg. Keine lebensverlängernden Massnahmen. «Nur noch möglichst gute Zeit ohne Schmerzen», sagt Alexandra Gächter leise. Die Selbstlosigkeit der Eltern hat sie beeindruckt. «Im Fokus stand immer: Was ist für unser Kind das Beste?»
Sie und ein vertrautes Team begleitete die Familie auch in ein ethisches Gespräch mit den Ärzten – Aussprachen, die für Eltern oft überfordernd sind. «Die Spitzenmedizin neigt manchmal zu Aktivismus. Alle Möglichkeiten werden noch einmal durchgespielt. Für Eltern ist es enorm schwer, sich da abzugrenzen.» Eine neutrale Fachperson an ihrer Seite helfe enorm – nicht nur fachlich, sondern emotional.
Als das Kind starb, blieben die St. Gallerin und die freiwillige Mitarbeiterin von Pro Pallium an der Seite der Eltern. Vor der Beerdigung, währenddessen, danach. Alexandra Gächter holte sogar die Asche des Kindes im Krematorium ab und übergab sie den Eltern; in einem von der Mutter selbst genähten Stoffsäcklein. «Solche Situationen berühren mich zutiefst. Das geht nicht spurlos an mir vorbei.»
«Nach einem anstrengenden Arbeitstag gehe ich oft raus, Kopf lüften, Gedanken ziehen lassen.»
Batterie laden
Ihr Blick auf den Tod hat sich seit der Arbeit bei Pro Pallium verändert. «Ich rede zuhause mehr und offener darüber.» Sie ist achtsamer geworden, sieht ihr eigenes Glück klarer – und sie hat weniger Geduld für Egoismus. «Ich-bezogene Menschen, das wird für mich immer schwieriger. Von denen distanziere ich mich.» Kraft tanken kann sie hingegen in der Natur, bei einem Spaziergang im Wald, in der Bewegung. «Nach einem anstrengenden Arbeitstag gehe ich oft raus, Kopf lüften, Gedanken ziehen lassen.» Ihr Zuhause, in dem sie mit ihrem Mann lebt, beschreibt sie als ihre «Wohlfühloase». Dort kocht sie gerne, gärtnert, dekoriert – kleine Rituale, die sie erden. Nebenan wohnen ihre Eltern. Und bald zieht ihr Sohn mit seiner Freundin in ein selbst gebautes Haus auf dem gleichen Grundstück. Drei Generationen auf demselben Fleck – nah, aber mit genügend Raum. «Wir wissen, dass wir uns haben, ohne uns zu nahe zu kommen.»
Dass Familie bei ihr hohen Stellenwert hat, spürt man in jedem Wort. «Ich bin ein totaler Familienmensch. Das steht bei mir über allem.» Und wenn eines Tages Enkelkinder über den Rasen rennen? Alexandra Gächter lächelt: «Das wär weisch wie schön!»