«Wenn die Angst kommt, bin ich in einem Netz»

Nicole Staudinger kennt Krisen – und den langen Weg zurück. Im Interview spricht die Bestsellerautorin und Botschafterin des Deutschen Kinderhospizvereins über ihre Krebsdiagnose, die Kraft ehrlicher Worte, gesellschaftliche Verantwortung und darüber, warum Dankbarkeit für sie längst kein Kalenderspruch mehr ist.

Interview: Tabea Rosa

Foto: Teresa Rothwangl

Nicole Staudinger, Sie haben erlebt, wie es ist, wenn das Leben plötzlich eine Vollbremsung macht – und sind trotzdem weitergegangen. Was hat Ihnen nach Ihrer Krebsdiagnose geholfen, wieder aufzustehen?
Das waren Worte, die mir beim Aufstehen halfen. Sinngemäss sagte mein Arzt: «Das ist schlimm, Sie dürfen auch traurig sein, aber ich habe das schonmal gesehen und wir bekommen das wieder hin.» Damals dachte ich noch: Es reicht, wenn ich einmal aufstehe, ich musste dann lernen, dass das ein langwieriger Prozess ist.

Wie hat sich Ihr Blick aufs Leben seit dieser prägenden Zeit verändert?
Ich war schon immer ein dankbarer Mensch, aber diese tiefe Dankbarkeit, dass nichts, gar nichts selbstverständlich ist, die habe ich in dieser Zeit verinnerlicht. Ich freue mich jeden Morgen an dem ich ohne Schmerzen und Ängste wach werde. Dann ist der Tag um halb sieben schon grossartig.

Sie sprechen und schreiben sehr offen über die schwierigen Zeiten, die mit Ihrer Erkrankung verbunden waren. Welche Reaktionen erleben Sie darauf – gerade von Menschen, die selbst in einer Krise stecken?
Durchwegs positive. Die Menschen ziehen für sich das raus, was für sie gerade Relevanz hat. Mir ist ganz wichtig, dass meine Erfahrungen kein allgemeingültiges Regelwerk darstellen, sondern nur subjektive Sichtweisen. Und von denen darf sich gerne jeder und jede bedienen.

Sie selbst engagieren sich mit Ihrer Stimme und Ihrer Bekanntheit für verschiedene Themen. Gibt es einen Moment, in dem Sie selbst eine helfende Hand besonders gespürt haben?
Ja, ganz oft. Immer dann, wenn die Angst kommt, bin ich in einem Netz. Ich habe das grosse Glück liebende Menschen und gute medizinische Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner um mich zu haben.

Seit 2023 sind Sie Botschafterin des Deutschen Kinderhospizvereins. Was hat Sie zu diesem Engagement bewogen?
Der Verein hat mich gefragt und ich musste nicht lange darüber nachdenken. Wenn ich einen Hebel habe, Menschen mit einem so schweren Lebensrucksack zu unterstützen, dann mache ich das aus vollem Herzen.

Als zweifache Mama, neunfache Bestsellerautorin, Top-Speakerin, zertifizierte Trainerin und
TV-Moderatorin: Woraus schöpfen Sie im Alltag Kraft?

Ich habe mir viele Akkus installiert: Die Natur, Laufen, Musik, Spieleabende, Freunde, Tanzen, Genuss, Lachen, Essen …

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Öffentlichkeit, wenn es darum geht, mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für Familien mit schwerstkranken Kindern zu schaffen?
Die Öffentlichkeit sind wir alle. Du, ich, all die, die eine Gesellschaft formen. Und wir müssen offene Augen für Menschen haben, die ein Leben abseits des normalen Alltags führen. Wir müssen es ihnen, da wo es möglich ist, so einfach wie möglich machen, damit die Akkus der Familien nicht leerlaufen und sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können. Aus meiner Sicht darf das so in die Haltung unserer Gesellschaft und auch in die einer Regierung einfliessen.