Warum Führung nicht immer aus der gleichen Disziplin kommen muss
Ich komme nicht aus der Pflege, nicht aus der Sozialen Arbeit und auch nicht aus der Pädiatrischen Palliative Care. Ich komme aus der Finanzbranche. Für manche wirkt das wie ein Widerspruch. Dabei ist es für mich gerade die Perspektive, die eine Organisation wie Pro Pallium braucht.
Immer wieder begegnet mir dieselbe Frage: Wie kann jemand eine Stiftung führen, deren Kernaufgabe die Begleitung von Familien mit schwerstkranken Kindern ist, ohne selbst aus diesem Fachbereich zu stammen?
Die Frage ist verständlich. Sie berührt ein tief verankertes Bild davon, wie Führung im sozialen Bereich auszusehen hat. Nähe zur Sache, eigene Fachlichkeit, persönliche Erfahrung. All das scheint fast zwingend.
Und doch lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was ist eigentlich der Auftrag einer Geschäftsführung?
Fachlichkeit dort, wo sie hingehört
Ich habe keine pflegerische Ausbildung. Ich führe keine Entlastungseinsätze durch, begleite keine Trauergespräche und treffe keine fachlichen Entscheidungen im palliativen Kontext. Das ist aber auch nicht meine Aufgabe.
Bei Pro Pallium liegt die fachliche Verantwortung bewusst dort, wo sie hingehört: Bei den Leitenden der Ressorts. Und bei den Mitarbeitenden, die in ihrer täglichen Arbeit noch weiter in die Tiefe gehen. Dort sitzt die Expertise. Dort entstehen Wirkung und Qualität.
Führung bedeutet für mich, diese Fachlichkeit nicht zu überlagern, sondern zu schützen.
Die Verantwortung für das Ganze
Meine Aufgabe als Geschäftsführerin liegt an einer anderen Stelle. Ich trage die Verantwortung für das Ganze: für stabile Strukturen, für transparente Finanzen, für klare Zuständigkeiten und für die Umsetzung der vom Stiftungsrat beschlossenen strategischen Ausrichtung, die langfristig Wirkung ermöglicht.
In den letzten Jahren hat Pro Pallium eine Neuausrichtung durchlaufen. Keine laute Transformation, sondern eine sorgfältige Entwicklung. Prozesse wurden geklärt, Rollen geschärft, finanzielle Grundlagen geschaffen. Nicht als Selbstzweck, sondern um Belastung zu reduzieren. Insbesondere dort, wo hochspezialisierte Arbeit geleistet wird.
Denn Fachpersonen brauchen Raum und notwendiges Werkzeug. Und sie brauchen Verlässlichkeit.
Führen heisst nicht alles selbst zu wissen.
Gerade im sozialen Bereich ist die Versuchung gross, alles selbst tragen zu wollen. Sich direkt einzubringen, mitzudenken, mitzuleiden. Doch Nähe ersetzt keine Leitplanken. Und gute Absicht keine Struktur.
Führung bedeutet auch, bewusst nicht einzugreifen. Fachliche Entscheidungen treffe ich nicht allein, sondern gemeinsam mit den Verantwortlichen. Vertrauen ist dabei keine Floskel, sondern eine Haltung: Kompetenz anerkennen, Verantwortung teilen, Rollen respektieren.
Vielleicht ist es gerade die externe Perspektive aus einer anderen Branche, die hier hilfreich ist. Ich blicke auf die Organisation nicht aus der Logik des einzelnen Fachbereichs, sondern aus einer übergeordneten Sicht: Wo braucht es Stabilität? Wo Entlastung? Wo klare Grenzen, damit Energie nicht versickert?
Unterschiedliche Kompetenzen und ein Ziel
Ein NGO ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Instrument für Wirkung und Veränderung. Und Wirkung entsteht selten dort, wo alle das Gleiche können, sondern dort, wo unterschiedliche Kompetenzen sauber zusammenspielen.
Pro Pallium lebt von höchster fachlicher Expertise und von einer Führung, die diese absichert. Nicht lauter oder wichtiger. Verlässlich.
Vielleicht darf Führung genau das sein: Mut haben, nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern dafür zu sorgen, dass andere ihre Arbeit gut machen können.