«Oft sind es die vermeintlich kleinen Dinge, die ganz viel bewirken»

Seit Anfang 2025 leitet Anna Lammer bei Pro Pallium das Ressort Psychosoziale Entlastung. Im Interview spricht sie über ihren Weg zur Stiftung, ihre Erfahrungen in der Kinderhospizarbeit – und darüber, was psychosoziale Entlastung für sie bedeutet.

Anna Lammer, Ressortleiterin Psychosoziale Entlastung (Bild: Lisa Erard)

Anna, wie würdest du dich selbst in wenigen Worten beschreiben?
Als einen offenen, loyalen und neugierigen Menschen – nicht im Sinne Klatsch-und-Tratsch, sondern ehrlich interessiert an anderen Perspektiven und Denkweisen. Ich reflektiere viel und ich habe Freude daran, mich weiterzuentwickeln. Ich bin sehr gerne in der Natur, bewege mich viel – und ich lache sehr gern!

«Mein Herz hängt an der Kinder- und Jugendhospizarbeit.»


Seit Januar 2025 leitest du das Ressort Psychosoziale Entlastung bei Pro Pallium. Was hat dich dazu bewogen, Teil der Stiftung zu werden?
Ich war zuvor acht Jahre lang beim Hospiz Stuttgart tätig, wo ich die Landesstelle Baden-Württemberg für Familien mit einem schwer kranken Kind aufgebaut habe. Nach dieser intensiven Zeit war klar: Es braucht einen Wechsel. Gleichzeitig verspürte ich den Wunsch, in meine Heimatregion am Bodensee zurückzukehren. Pro Pallium kannte ich bereits – ich war regelmässig auf der Website. Als ich die ausgeschriebene Stelle sah, war für mich sofort klar: Das passt. Mein Herz hängt an der Kinder- und Jugendhospizarbeit – ich finde sie unglaublich wichtig und bin sehr froh, diesem Bereich treu bleiben zu können. Und: Pro Pallium ist der einzige Anbieter ambulanter Kinder- und Jugendhospizarbeit in der Deutschschweiz und Liechtenstein.

Welche Erfahrungen aus deiner früheren Arbeit bringst du mit zu Pro Pallium?
Ich habe erlebt, in welchen Lebensrealitäten sich Familien mit schwerstkranken Kindern befinden – mit welchen Sorgen, Ängsten und Herausforderungen sie im Alltag konfrontiert sind. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, nicht als «Expertin» aufzutreten, sondern die Familien selbst als Expertinnen ihres Lebens zu sehen. Ganz zentral ist für mich auch die Netzwerkarbeit – gute Kinderhospizarbeit lebt davon und kann gut gelingen, wenn professionelle Anbieter und Fachpersonen zusammenarbeiten und ein tragendes Netz unter den Familien spannen, das sie in herausfordernden Zeiten trägt. Dazu gehören stationäre Einrichtungen wie Spitäler und die Kinder- und Jugendhospize ebenso wie die ambulanten Angebote, zum Beispiel die Kinder-Spitex, die PPC-Teams und eben auch die psychosoziale Entlastung durch die Regionalleiterinnen und unsere freiwilligen Mitarbeitenden von Pro Pallium.

Wie sieht deine Arbeit als Ressortleiterin konkret aus – was sind deine Aufgaben, wo setzt du Schwerpunkte?
Noch ist viel im Aufbau: Ich bin dabei, mich in die Strukturen von Pro Pallium und der pädiatrischen Palliative Care in der Schweiz einzuarbeiten, nehme an vielen Gesprächen teil, hinterfrage Prozesse, lerne Netzwerke kennen. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Geschäftsstelle, Ressort und den Regionalleiterinnen der aktuell fünf Regionen. Strategisch geht es darum, unser Angebot gemeinsam mit den Regionalleiterinnen weiterzuentwickeln und an die vom Stiftungsrat gesetzten Ziele anzupassen.
Ein wichtiger Schwerpunkt für mich ist, gute Rahmenbedingungen für mein Team zu schaffen. Die Arbeit der Regionalleiterinnen im Kontakt mit den Familien und Freiwilligen ist anspruchsvoll – ich möchte, dass sie darin gestärkt sind und ihre Fähigkeiten optimal einbringen können. Gleichzeitig sehen wir eine steigende Nachfrage: Aktuell begleiten wir rund ein Prozent der betroffenen Familien in der Deutschschweiz, aber der Bedarf und die Anfragen sind viel höher. Um mehr Familien erreichen zu können, wollen wir zum einen mehr Freiwillige gewinnen und qualifizieren – gemeinsam mit dem Ressort Bildung – und zum anderen unsere regionalen Angebote weiter ausbauen.

«Es gibt noch viel zu tun, aber die Entwicklung ist vielversprechend.»


Wie erlebst du den Unterschied zwischen der deutschen und der schweizerischen Entlastungsarbeit?
In Deutschland sind die Strukturen für Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern schon gefestigt. In der Schweiz formen sich die Strukturen noch und Vieles ist im Entstehen – diesen Prozess mitzuerleben ist sehr spannend für mich! Netzwerke wie das PPCN-CH wachsen, die ersten stationären Kinderhospize wie allani oder Flamingo eröffnen, und Pro Pallium bietet ambulante Begleitung mit qualifizierten Freiwilligen. Es gibt noch viel zu tun, aber die Entwicklung u und der Aufbruch sind deutlich spürbar – und wie man hier sagt: Es kommt gut!

«Eine lebensverkürzende Diagnose betrifft immer das ganze Familiensystem.»


Was bedeutet psychosoziale Entlastung für dich – persönlich und fachlich?
Der Begriff klingt vielleicht etwas technisch, aber letztlich geht es darum, seelische und soziale Belastungen zu lindern und Ressourcen zu stärken – individuell und feinfühlig. Denn eine lebensverkürzende Diagnose betrifft immer das ganze Familiensystem. Vielleicht braucht ein Vater einfach jemanden, mit dem er offen über Ängste sprechen kann. Vielleicht wünscht sich das Geschwisterkind, mal wieder unbeschwert etwas zu unternehmen. Oder eine Familie braucht Unterstützung bei Anträgen oder einfach eine verlässliche Person, die wöchentlich zu Besuch kommt. Für mich heisst psychosoziale Entlastung: genau hinzuhören, Situationen wahrzunehmen sowie im engen Austausch mit der individuellen Familie entlastende Unterstützung anzubieten und einzubinden – von Gesprächen über Alltagsunterstützung bis hin zur Trauerbegleitung, die bereits ab der Diagnose beginnt.

Hast du ein Beispiel, wie psychosoziale Entlastung ganz konkret aussehen kann?
In der Region Zürich begleitet eine Freiwillige zwei junge Schwestern, die beide an einer seltenen, fortschreitenden Erkrankung leiden und zunehmend motorische Fähigkeiten verlieren. Die Freiwillige verbringt jede Woche Zeit mit ihnen – sie schauen Filme, reden, lachen, sind einfach zusammen. Gleichzeitig haben die Eltern einen Abend für sich. Es ist ein echtes Miteinander – man könnte sagen: It’s a match.

«Ich möchte das Thema der ambulanten Kinder- und Jugendhospizarbeit sichtbarer machen.»


Gibt es erste Projekte oder Ideen, die du bald umsetzen möchtest?
Ich möchte das Thema der ambulanten Kinder- und Jugendhospizarbeit sichtbarer machen. Diese wertvolle Arbeit geschieht oft im Stillen – das möchte ich ändern. Und: Wir brauchen mehr engagierte Freiwillige! Eine erste Idee zur Ansprache habe ich bereits im Kopf – aber mehr wird noch nicht verraten (schmunzelt).

Was motiviert dich bei deiner Arbeit?
Dass der Bedarf wirklich da ist – und wir mit unserer Arbeit etwas Sinnvolles und Wirksames leisten. Familien wünschen sich Entlastung, und oft sind es die vermeintlich kleinen Dinge, die ganz viel bewirken. Das motiviert mich – ebenso wie das grosse Engagement im Team.

Was wünschst du dir für die kommenden sechs Monate?
Dass ich weiter in der Stiftung und in meinem Team ankomme. Dass wir als Pro Pallium gemeinsam wachsen – mit einer klaren Vision vor Augen: Familien im Alltag zu entlasten, zu stärken und zu begleiten.