Kolumne von Veronika Hutter 03/26

Wenn das Leben anders wächst

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Auch nicht, wenn sie schwer krank sind. Daher lässt sich Palliative Care nicht einfach von einer Lebenswelt auf die andere übertragen. Wer Familien begleitet, deren Kind eine lebensverkürzende Erkrankung hat, bewegt sich in einem besonderen Raum: zwischen Hoffnungen, Brüchen, Entwicklungsschritten und einer oft unbarmherzigen Realität.

Pädiatrische Palliative Care ist ein eigenes Universum: eines, das sich radikal am Leben orientiert. Und mittendrin steht die Frage: Was brauchen Kinder und ihre Familien wirklich? Als Geschäftsführerin von Pro Pallium begegne ich dieser Frage täglich. Und mein eigener Weg in dieses Feld war alles andere als selbstverständlich.

Das gemeinsame Fundament und der feine Unterschied

Palliative Care – ob für Erwachsene oder Kinder – hat denselben Anspruch: Lebensqualität stärken, Leiden lindern, Menschen in ihrer Ganzheit begleiten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die Palliative Care für Kinder als «aktive, umfassende Betreuung von Körper, Geist und Seele», beginnend ab Diagnosestellung und unabhängig davon, ob heilende Behandlungen möglich sind.

Aber Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre Lebenswirklichkeit, ihre Entwicklung, ihre Bedürfnisse unterscheiden sich grundlegend. Die WHO betont daher, dass Pädiatrische Palliative Care eng verwandt, aber dennoch ein hoch spezialisierter Bereich ist.

Kinder leben weiter, mitten in der Krankheit

Kinder mit lebenslimitierenden Erkrankungen haben häufig seltene und komplexe Diagnosen. Studien zeigen, dass sie meist viel früher und deutlich länger begleitet werden müssen als Erwachsene. Dies geht mit erheblich mehr Konsultationen und einem stärkeren multidisziplinären Aufwand einher.

Während Palliative Care bei Erwachsenen oft erst spät im Krankheitsverlauf greift, begleitet die Pädiatrische Form Familien manchmal ab dem ersten Lebenstag oder bereits vor der Geburt.

Kinder reifen weiter, selbst im Angesicht schwerer Krankheit. Ihr Verständnis von Krankheit und Tod verändert je nach Alter, und die Palliative Care muss sich daran anpassen. Dabei bleiben für Kinder trotz schwerer Diagnose Normalität, soziale Beziehungen und Zukunftsvorstellungen wichtig.

Nicht «wie lange?», sondern «wie gut?»

Pädiatrische Palliative Care ist nicht vorwiegend auf das Lebensende ausgerichtet, sondern auf Lebensqualität während der gesamten Krankheitszeit. Kinder wollen trotz ihrer Erkrankung erleben, spielen, lachen, dazugehören. Und PPC unterstützt genau das: Sie bringt Lebensfreude und Selbstbestimmung dorthin zurück, wo Krankheit übermächtig erscheint.

Die Haltung dahinter: Nähe, Mut, Echtheit.

PPC bedeutet Mut, den Dingen ins Auge zu schauen. Mut, mit einer Familie gemeinsam durch das Chaos zu gehen. Mut, ehrlich zu sein, vorsichtig und gleichzeitig klar.

Zentrale Elemente wie offene Kommunikation, Vertrauen und interprofessionelle Zusammenarbeit sind für betroffene Familien entscheidend.

Wo Pro Pallium steht: mitten im Leben der Familien

Die Versorgungslage für Familien mit schwerkranken Kindern ist komplex. Strukturen fehlen, Unterstützung ist oft unzureichend. Pro Pallium setzt genau hier an: niederschwellig, nah, zugewandt und entlastend. Wir begleiten Familien im häuslichen Umfeld. Dort, wo sie leben, lieben, lachen und kämpfen. Wir stärken Eltern, sehen Geschwister und schaffen Momente, die tragen.

Wenn die eigene Biografie plötzlich eine neue Sprache lernt

Ich komme nicht aus der Medizin. Mein Weg führte über Banklehre, BWL-Studium, Finanzabschlüsse zur Geschäftsführung. Eine Welt der Strukturen, Kennzahlen, Prognosen.

Und plötzlich stand ich in einem Feld, das sich nicht berechnen lässt: wo Gefühle schwerer wiegen als Zahlen, wo Unsicherheit Alltag ist und wo Lebensqualität nicht in Spalten passt. Ich musste eine neue Sprache lernen: die Sprache der Familien, der Belastungen, der Hoffnung. Und eine wichtige Erkenntnis traf mich früh und unerwartet tief:

Pädiatrische Palliative Care ist in vielen Ländern kein verpflichtender Bestandteil des Medizinstudiums. Studierenden wird im Standardstudium nicht beigebracht, dass Kinder sterben könnten.

Es gibt meiner Recherche nach Wahlfächer an verschiedenen Universitäten, die entwickelt wurden, weil die Formate im Studium fehlen. Für Familien bedeutet das: Sie sind darauf angewiesen, dass Ärztinnen und Ärzte sich freiwillig weiterbilden.

Dies ist meiner Ansicht nach kein individuelles Versäumnis von Fachpersonen, sondern eine Bildungslücke im System.

Schlussgedanke

Am Ende bleibt für mich vor allem dies: Pädiatrische Palliative Care zeigt, wie verletzlich und gleichzeitig stark wir Menschen sind. Sie führt uns vor Augen, dass Leben sich nicht in Kategorien pressen lässt und dass Fürsorge immer dort beginnt, wo wir bereit sind, wirklich hinzusehen. Vielleicht braucht es genau diesen Perspektivwechsel: weg von der Frage, was wir alles nicht ändern können, hin zu dem, was wir trotz allem bewirken können. Denn manchmal besteht der grösste Unterschied nicht darin, Antworten zu kennen, sondern da zu sein, wenn sie fehlen.

Veronika Hutter, Geschäftsführerin von Pro Pallium