Was bleibt, wenn Worte nicht mehr ausreichen? In der «TOTÄMÄSS» lässt Joël von Moos den Jodel für das Unsagbare sprechen – ein Requiem in Schweizerdeutsch, das tief ins Herz trifft. Vor dem Start der Konzertreihe im November hat sich der Künstler zum Interview mit dem Fokus-Magazin getroffen.

Joël von Moos, Sie sind Musiker mit Leib und Seele. Wie haben Sie zur Musik gefunden?
Die Musik hat wohl eher mich gefunden. Schon als Kind war ich von Musik umgeben – und fasziniert davon, wie durch Klänge völlig neue Welten entstehen können. Ich neige zum träumen und das Eintauchen in fremde Realitäten gehörte für mich schon früh dazu – zunächst durchs Lesen, später vor allem durch das Musizieren. Musik hat mir die Möglichkeit gegeben, richtig «abzuheben». Ich brauchte diese Transformation, diese Transzendenz durch Klangwelten, um meine unbändige Fantasie zu nähren. Insofern wurden mir Musik und Kreativität tatsächlich in die Wiege gelegt.
Gab es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie gespürt haben: Musik ist nicht nur mein Hobby, sondern mein Weg?
Zwei Schlüsselmomente haben sich mir besonders eingeprägt: Als jugendlicher Sänger bei der Luzerner Kantorei erhielt ich eine klassische Gesangsausbildung und durfte als Knabensolist, etwa in Mozarts «Zauberflöte», auf der Opernbühne stehen. Das gemeinsame Singen mit dem Ensemble in Freiburg im Breisgau – aber auch das Cola-Trinken in der Kantine – hat mich tief beeindruckt.
Und dann war da der Moment, als ich realisierte: Hinter einem Buch steht ein Mensch, der es geschrieben hat. Hinter einer CD jemand, der sie aufgenommen hat. Werke entstehen nicht einfach so – sie werden von Menschen geschaffen. Von da an wusste ich: Man muss nicht nur konsumieren – man kann auch selbst kreieren!

Als Komponist, Autor und Produzent verstehen Sie sich als Gesamtkünstler und sind in ganz unterschiedlichen Sparten tätig – woher kommt dieses breite Interesse?
Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch und gehe mit offenen Augen und Ohren durchs Leben. Als Künstler ist ein gesunder, klarer Blick auf die Welt mein Kapital. Ich setze mich jeweils intensiv mit einem Thema auseinander und suche dann die passende Form, es einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Weil ich viele Projekte von der Idee bis zur Umsetzung selbst begleite, und dies oft auch intermedial, habe ich mir mit der Zeit ein breites Repertoire an Fähigkeiten angeeignet. Das Komponieren selbst ist dabei oft das Intuitivste. Ich bin also eine Art Generalist – das macht meinen Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich und spannend.
«Ich glaube manchmal, ich kann nur Liebeslieder schreiben.»
Gibt es ein Lied, eine Stilrichtung oder ein musikalisches Motiv, das Sie besonders begleitet – eine Art Kompass?
Neben dem grossen Thema «Liebe» – ich glaube manchmal, ich kann nur Liebeslieder schreiben – zieht sich die Suche nach Sinn, nach Spiritualität wie ein roter Faden durch mein Schaffen. Jimi Hendrix sagte einmal: «Music is my religion» – das trifft es für mich sehr gut. Geprägt durch Oper und Kirchenmusik habe ich mich in den letzten Jahren vertieft mit spirituellen Themen beschäftigt. Gleichzeitig liegt mir die Schweizer Volksmusik, insbesondere das Jodeln, sehr am Herzen. In meinen Werken «DOROTHEA» und «TOTÄMÄSS» habe ich beide Welten – Jodel und Kirchenmusik – miteinander verwoben. Ich würde sogar sagen, ich habe dabei als Komponist eine Klangsprache gefunden, die mir sehr entspricht.
Im Herbst bringen Sie mit «TOTÄMÄSS – ein schweizerdeutsches Requiem» ein besonderes Werk auf die Bühne. Was erwartet das Publikum?
Die Magie dieses Werks scheint ungebrochen: Nach dem überwältigenden Erfolg der Uraufführung 2023 kehren wir im November 2025 mit der «TOTÄMÄSS» zurück auf die Bühne. Es ist das erste Requiem in Schweizerdeutsch – eine berührende Verbindung von Klassik und Jodel in poetischer Form. Im Zentrum steht ein grosser Chor, begleitet von Orgel, Glocken und einem sechsköpfigen Solistenensemble. Und in einer Kirche eher ungewöhnlich: Der «Tod» selbst tritt auf – unser «Knochenmann» mit Akkordeon, schwarzer Kutte, Sense und Totenbuch.
Wie entstand die Idee zu einem Requiem in Schweizerdeutsch? Gab es einen persönlichen Bezug?
Ursprünglich erhielt ich einen Kompositionsauftrag für ein kleineres Werk – das dann jedoch in der Schublade verschwand. Als kurz darauf mein Grossvater starb, holte ich die Entwürfe wieder hervor und vertiefte mich erneut in das Thema. Es gibt viele Requiems auf Latein, einige auch auf Hochdeutsch – mir war es ein Anliegen, ein Werk in Schweizerdeutsch zu schaffen, das es dem Publikum ermöglicht, sich ohne Sprachbarrieren mit den Themen Tod, Verlust und Trost auseinanderzusetzen. Daraus entstand ein Werk, das Hoffnung gibt und neue Perspektiven eröffnet.
«Ich verspüre heute keine Angst mehr vor meinem eigenen Tod.»
Welche Herausforderungen brachte das Komponieren eines Requiems in Mundart mit sich – inhaltlich und persönlich?
Rund zwei Jahre lang habe ich mich intensiv mit Leben und Tod – auch mit meinem eigenen – auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung hat mein Bewusstsein für das Leben geschärft. Ich verspüre heute keine Angst mehr vor meinem eigenen Tod – das ist wohl ein Resultat dieses Reifungsprozesses. Wenn Menschen in meinem Umfeld sterben, berührt mich das nach wie vor tief. Aber meine Trauer ist mehr Freude als Verlust – Freude über das gelebte Leben und die Überzeugung, dass die Reise weitergeht. Diese Erkenntnis fliesst auch in mein Werk ein – ganz unverblümt, in Mundart und mit einer schlichten, aber tiefgehenden musikalischen Sprache.

Jodeln spielt in der «TOTÄMÄSS» eine zentrale Rolle. Wie passt das zur kirchenmusikalischen Tradition?
Sie werden überrascht sein, wie gut das passt! Jodeln ist archaisch – es berührt eine tiefe Schicht in uns, die sich nicht in Worte fassen lässt, aber dennoch jeder kennt. Ich setze den Jodel meist dort ein, wo Worte nicht mehr ausreichen, wo nur noch das Gefühl spricht. Natürlich fordere ich damit auch kirchenmusikalische und jodlerische Traditionen heraus – aber stets respektvoll. Ich verstehe meine Musik als Erweiterung von Tradition – als progressive Weiterentwicklung, ohne den Bruch mit dem Bestehenden.
Sie wirken bei der «TOTÄMÄSS» nicht nur als Komponist, sondern auch als Veranstalter. Wie schaffen Sie diesen Spagat?
Die Konzertabende sind das Highlight meiner Arbeit – aber sie sind auch sehr fordernd. Unser siebenköpfiges Team von JVM Productions ist während der Tournee ständig unterwegs – Tourbus, Sandwich-Diät, viel Applaus, wenig Schlaf. Auf der Bühne stehen rund 70 Mitwirkende, und wir spielen vor bis zu 1’000 Besucherinnen und Besuchern pro Abend. Als Komponist arbeite ich oft im stillen Kämmerlein – das ist deutlich ruhiger. Aber der Moment, in dem ein Werk live wird, das Publikum berührt, Rückmeldungen kommen – das entschädigt für jede Durststrecke und gibt Kraft für neue Projekte.
«Am Ende geht es doch darum, dass wir alle gemeinsam unterwegs sind in diesem Abenteuer namens Leben.»
Warum haben Sie und Ihr Team entschieden, mit der Konzertreihe auf Pro Pallium aufmerksam zu machen?
Als Regionalleiterin Ramona von Moos, übrigens eine Kindheitsfreundin, aber nicht verwandt mit mir, uns im Rahmen des 20-Jahr-Stiftungsjubiläums für eine Zusammenarbeit anfragte, kannte ich Pro Pallium noch nicht. Aber im Team von JVM Productions war sofort klar: Diese wertvolle Arbeit wollen wir unterstützen. Besonders beeindruckt hat uns der Einsatz der Freiwilligen, die ihre Zeit und Energie für schwerkranke Kinder und ihre Familien geben. Am Ende geht es doch darum, dass wir alle gemeinsam unterwegs sind in diesem Abenteuer namens Leben. Und gerade Kinder, die erst am Anfang dieser Reise stehen, verdienen besondere Sorgfalt und Begleitung – bis zuletzt. Pro Pallium lebt diesen Gedanken, und ich verneige mich vor dieser Leistung.
Hintergründe zur TOTÄMÄSS
Joël von Moos (33) realisiert mit seinem Label JVM Productions Projekte als Komponist, Autor, Multiinstrumentalist und Produzent. Seine Arbeiten bewegen sich intermedial und genreübergreifend, von Soloprojekten bis zu grossen Bühnenproduktionen.
Mit «TOTÄMÄSS – ein schweizerdeutsches Requiem» hat Joël von Moos das erste Requiem in Schweizerdeutsch geschaffen. Das Werk ist im vom 1. bis 9. November 2025 in Luzern, Alpnach, Ruswil, Einsiedeln und Bern zu erleben. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.