Kulturelle Brückenbauerin
Sich um einen Dialog bemühen – auch, wenn wir einander zunächst fremd sind. Dafür setzt sich Kinder- und Jugendpsychiaterin Fana Asefaw ein. Im Interview spricht sie über die Gleichwertigkeit von Kulturen, Kompromissbereitschaft und darüber, weshalb gegenseitiges Vertrauen auch in der Pädiatrischen Palliative Care unabdingbar ist.

Frau Asefaw, in einem Radiointerview haben Sie kürzlich gesagt: «Heimat ist dort, wo ich mich verstanden fühle». Wie meinten Sie das?
Ich bin ursprünglich aus Eritrea und habe mit meiner Familie in Äthiopien, Eritrea, Sudan und Deutschland gelebt, bevor ich wegen meiner Arbeit 2005 in die Schweiz kam. Als Neuankömmling in einem noch fremden Land hat sich für mich immer eines gezeigt: Das Gefühl willkommen zu sein und Menschlichkeit zu erfahren hilft einem, sich zu Hause zu fühlen und Vertrauen zu entwickeln. Dafür braucht es nicht zwingend die Sprache, es kann auch durch Gesten oder die Haltung zum Ausdruck kommen. Gerade für Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung kann dies heilsam sein.
«Ich habe gelernt, aus jeder Kultur das Gute für mich herauszunehmen.»
Können Sie dies noch genauer
erklären?
Ich bin in christlichen wie auch muslimischen Kulturen mit kollektivistischen und individualistischen Wertvorstellungen aufgewachsen. Deshalb war die kulturelle Vielfalt von Kindesbeinen auf meine ständige Wegbegleiterin. Ich habe gelernt, aus jeder Kultur das Gute für mich herauszunehmen. Dabei ist ein Aspekt besonders bezeichnend: Alle Kulturen sind für mich gleichwertig. Und alle Kulturen sind – aus der Innenperspektive betrachtet – stimmig. Weil ich viele verschiedene Welten kennengelernt habe, begegne ich Menschen unterschiedlicher Herkunft auf Augenhöhe und mit Respekt. Das bedeutet auch: Achtsamkeit und Empathie vor ihrer individuellen Biografie und dem möglichen Leidensweg, den sie in sich tragen.
Engagieren Sie sich deshalb so intensiv für die interkulturelle Vermittlung?
Sicherlich auch. Ich musste oft eine Sprache neu lernen und mich mit neuen Werten und Kulturen auseinandersetzen. Geholfen hat mir eine verständnisvolle und einfühlsame Kommunikation, um Vertrauen für einen gelungenen Neuanfang zu entwickeln. Nehmen wir zum Beispiel an, das Kind einer Flüchtlingsfamilie erleidet in der Schweiz eine schwere Krankheit wie die «Muskel deuchene» – eine Nachricht, die jeden von uns komplett aus der Bahn werfen könnte. Wenn nun die zuständige Fachperson diese Nachricht in einer anderen Sprache und mit zu wenig Empathie vermittelt, kann allein diese «misslungene Kommunikation» bei der betroffenen Familie als traumatisches Erlebnis wahrgenommen werden. Sie fühlt sich nicht respektiert und alleine gelassen. Genau deshalb ist es enorm wichtig, einander menschlich und kulturell sensibel gegenüberzutreten. Ich frage mich immer wieder: Wie kann ich einer Familie die Diagnose des Kindes – in meinem Fall betrifft es meist psychiatrische Erkrankungen – ehrlich, aber interkulturell sensibel mitteilen?
Wie wichtig ist die interkulturelle Vermittlung in der Pädiatrischen Palliative Care?
Sie ist sehr wichtig. Unterschiedliche Kulturen gehen verschieden mit Schmerz, Erkrankungen und Tod um. Manche brauchen zur Verabschiedung ihres Kindes zum Beispiel eine Salbung, andere ein Gebetskreuz und wiederum andere Weihrauch. Bei den einen wird nach dem Imam fürs gemeinsame Gebet verlangt, andere benötigen spezielle Gewänder für ihr Abschiedsritual. Ich habe einmal eine Familie begleitet, bei welcher das Trauerritual nach dem Tod ihres Kindes 40 Tage andauerte – die Mutter schlief dabei auf dem Boden, weinte und stöhnte laut. Natürlich kann dies bei westlichen Kulturen Verunsicherung auslösen. Zentral ist deshalb: Fach- und Betreuungspersonen sollten erfragen, was den Familien in dieser herausfordernden Zeit wichtig ist. Natürlich kann man nicht immer alles möglich machen. Wenn zum Beispiel eine Familie jeden Tag um 16 Uhr ihr Gebet verrichtet, können sich nicht immer ganze Palliative-Care-Teams nach diesem Zeitplan richten. Aber man kann mit der Familie das Gespräch suchen und eruieren, was für beide Seiten möglich ist. So wird zum Beispiel aus Rücksicht auf die muslimische Kultur in einigen Schweizer Kliniken auf Schweinefleisch verzichtet.
«Beim Verlust des Kindes leiden alle gleich – egal ob Schweizer oder Eritreerin.»
Gibt es auch kulturelle Gemeinsamkeiten in der Trauer?
Auf jeden Fall. Die meisten Eltern, die ein Kind durch Krankheit oder Unfall verlieren, sind sehr traurig, weinen, verzweifeln manchmal daran und ziehen sich zurück. Es ist für sie alle nicht einfach, den Verlust anfangs zu akzeptieren, oft gelingt dies jahrelang nicht. Das ist unabhängig von Kultur oder ethnischer Zugehörigkeit. Der Schmerz und der Tod machen uns alle gleich. Wir haben nur unterschiedliche Rituale, damit umzugehen.
Gibt es Werkzeuge, wie Fachpersonen kulturell sensibel mit Familien schwerstkranker Kinder kommunizieren können?
Ein zentrales Werkzeug ist die richtige Verständigung, so sollten bei Sprachbarrieren idealerweise Dolmetscherinnen und Dolmetscher zum Einsatz kommen. Ein weiteres Hilfsmittel ist die Vertrauensarbeit. Zum Beispiel habe ich einmal eine 14-jährige Eritreerin mit einem bösartigen Knochentumor betreut. Die Onkologen wollten die medizinischen Eingriffe wie auch die Chemotherapie zeitnah beginnen, um nicht das ganze Bein amputieren zu müssen oder im schlimmsten Fall das Mädchen zu verlieren. Die Eltern waren jedoch für das sehr bemühte medizinische Personal kommunikativ nicht erreichbar. Deshalb wurde der Fall mit der Kinderschutzgruppe besprochen und schliesslich die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB hinzugezogen. Die Eltern zeigten sich auch dann nicht kooperativ. Ich wurde deshalb angefragt, konsiliarisch meine Einschätzung kundzutun.
Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Die Eltern erläuterterten mir gegenüber, wie verunsichert sie seien und dass sie kaum Vertrauen zum medizinischen Personal hätten. Nach einigen Stunden, als die Eltern genügend Vertrauen zu mir aufgebaut hatten, berichteten sie mir davon, unbedingt noch ein bestimmtes Heilwasser aus Äthiopien ausprobieren zu wollen. Erst wenn ihre Tochter dadurch nicht geheilt würde, wären sie bereit, den medizinischen Interventionen zuzustimmen. Dem Fachpersonal war klar, dass das Heilwasser keine Wirkung auf den Tumor haben würde. Die Onkologen und die KESB wollten die Familie deshalb nicht nach Äthiopien reisen lassen. Ich fragte die Eltern, ob jemand das Heilwasser auch in die Schweiz bringen könnte. Ein Verwandter brachte es dann nach Italien, wo die Eltern es abholten. Ich erläuterte der Familie, dass die Ärzte nicht warten konnten, bis das Heilwasser wirkte – aber es sei möglich, dass sie parallel zu der medizinischen Intervention das Heilwasser mit anwenden konnten. So konnten die Onkologen frühzeitig mit der Therapie starten und die Familie fühlte sich in ihrem Bedürfnis ernst genommen.
«Ich glaube, die meisten von uns haben gewisse Projektionen in andere Kulturen, die zu Hemmungen im Umgang mit fremden Menschen führen können.»
Was wünschen Sie der Pädiatrischen Palliative Care in puncto kultureller Sensibilität?
Wenn Kinder von Menschen mit Fluchterfahrung in medizinischen Einrichtungen angemeldet werden, können bereits Namen wie etwa Abdallah, Jusuf oder Abedel zu Verwechslungen oder Irritationen führen. Hinzu kommen sprachliche oder kulturelle Barrieren – dies spüren Familien bereits nonverbal, was wiederum dazu führt, dass sie noch mehr Angst und Misstrauen aufbauen. Daher ist es um so wichtiger, von Anfang an bei diesen Familien empathisch und kultursensibel zu agieren. Zudem könnte es hilfreich sein, wenn die Mitglieder von Palliative-Care-Teams auch die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln würden. Aktuell ist es für Menschen mit Fluchterfahrung aufgrund ihres Aufenthaltsstatus zum Teil schwierig, eine pflegerische Ausbildung in Angriff zu nehmen. Doch viele von ihnen sind den Themen Sterben, Trauer und Verlust aufgrund ihrer Geschichte schon sehr nah gewesen und würden sich gerne in diesen Bereichen engagieren, wie ich aus persönlichen Gesprächen schon oft vernommen habe.
Zum Schluss: Gibt es eine Botschaft, die Sie Fachpersonen, betroffenen Familien oder unserer Gesellschaft mitgeben möchten?
Ich glaube, die meisten von uns haben gewisse Projektionen in andere Kulturen, die zu Hemmungen im Umgang mit fremden Menschen führen können. Jeder und jede von uns sollte sich dieser Vorurteile bewusst sein und sie immer wieder hinterfragen. Am Ende sind wir alle gleich – lasst uns deshalb auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und gegenseitiges Vertrauen über Beziehungsarbeit auf verschiedenen Ebenen gewinnen. Denn jeder Mensch hat unterschiedliche Belastungsfaktoren und eine ganz persönliche Vergangenheit.