Clown im Herzen

Die stille Kraft des Lachens

Hat ihre rote Nase immer mit dabei, wenn sie für Pro Pallium unterwegs ist: Verena Singer.

«Krause Haare, krauser Sinn», pflegte Verena Singers Primarschullehrer über den blonden Wirbelwind zu sagen. Ihren Humor hat sie sich bis heute erhalten – auch weil sie weiss: in schwierigen Zeiten kann Heiterkeit heilsam sein.

Es gibt sie, die Menschen, bei denen sprichwörtlich die Sonne aufgeht, wenn sie einen Raum betreten. Verena Singer ist einer dieser Menschen. Mit grossen Augen und einem breiten Lächeln betritt sie den Schulungsraum von Pro Pallium in Olten – bereit, sich mit den angehenden Freiwilligen von Pro Pallium für einmal ganz dem Thema Humor zu widmen. Eines darf dabei nicht fehlen: ihre rote Clown-Nase. Doch dazu später mehr.

Zum Humor gefunden habe Verena Singer eigentlich nicht, vielmehr habe er sie von Kindesbeinen an begleitet. «Ich war schon in der Schule immer der Clown», erinnert sie sich. Trotzdem habe sie sich nach der obligatorischen Schule für eine «anständige» Ausbildung entschieden und die kaufmännische Grundbildung absolviert. Mit viel Herzblut engagierte sich die Zentralschweizerin seit ihrer Jugend in verschiedenen Theaterproduktionen. Im Jahr 2016 wurde sie schliesslich in einem Zeitungsbeitrag auf die Ausbildung zum «Gesundheit!Clown» bei der Tamala Clown-Akademie in Konstanz aufmerksam. «Ich wusste sofort: das will ich unbedingt machen!» Wie es der Zufall wollte, war noch ein letzter Casting-Termin frei – Verena wurde aufgenommen. Während zwei Jahren tauchte die zweifache Mutter berufsbegleitend in die Kunst des Clown-Theaters ein. Dazu gehörte unter anderem das Aneignen verschiedener Clown-Typen, das Erlernen von Themen wie emotionalem Humor, Szenengestaltung, Improvisation und Rollenarbeit. Unterrichtsbestandteil waren jedoch auch Krankheitsbilder, Kontaktarbeit, Ethik sowie praktische Grundlagen in medizinisch-therapeutischen Einrichtungen.

Ein Haus-Clown für Pro Pallium?

«Ich absolvierte die Ausbildung mit dem Ziel, Menschen und insbesondere Kinder in schwierigen Lebenssituationen auf ihre persönliche Weise abzuholen, denn Humor und Heiterkeit können sehr heilsam sein in diesen Momenten.» Und so wollte es der Zufall, dass Verena während ihres Abschlusspraktikums im Jahr 2019 in einem Radiobeitrag zum ersten Mal von Pro Pallium hörte. «Die Arbeit der Stiftung faszinierte mich und ich überlegte mir: Warum nicht mein Glück versuchen und mich als Haus-Clown bei der Stiftung bewerben?» Gesagt, getan. Wenige Monate später startete sie ihre Basisschulung zur Freiwilligen.

Bis heute hat Verena drei Familien begleitet. An ihren ersten Einsatz erinnert sich die 61-Jährige noch gut. Die achtjährige Tochter der Familie war an einem Hirntumor erkrankt. In ihren letzten Lebensmonaten besuchte die Freiwillige die Familie regelmässig, manchmal mehrmals pro Woche. Sie versuchte dort abzufedern, wo Hilfe am dringendsten nötig war. «Ich ging mit dem kranken Mädchen und dem Papi nochmals in die Schule zu den Gspändli – die hatten viele Fragen. Ich ging einkaufen, verbrachte Zeit mit den gesunden Geschwisterkindern oder trank mit der Mutter einen Kaffee und hörte ihr einfach zu. Es war eine sehr intensive, schöne und wichtige Erfahrung. Immer wieder merkte ich, wie ich – mit emotionalem Humor und dem Clown im Herzen – vor allem die Kinder auf Augenhöhe abholen konnte und trotz allem etwas Heiterkeit in die Familie bringen durfte».

«Was gibt es Schöneres, als etwas Leichtigkeit in den Alltag zu bringen?»

Kleinste Maske der Welt

Und dennoch: Die rote Nase, die Verena in die Rolle der Gordula schlüpfen lässt, habe eine enorme Wirkung. Nicht umsonst werde sie auch als kleinste Maske der Welt bezeichnet: «Sie erlaubt mir so viel, macht mich freier und mutiger. Sie ermöglicht mir Dinge zu tun, die sonst von meinem Gegenüber als seltsam eingestuft würden.» So habe sie etwa immer eine rote Nase im Auto; bei Stau mache es grossen Spass, diese aufzusetzen und zu beobachten, wie gestresste Fahrerinnen und Fahrer plötzlich mit dem Daumen nach oben und einem Lächeln ihre Fahrt fortsetzen. «Was gibt es Schöneres, als etwas Leichtigkeit in den Alltag zu bringen?» fragt Verena, die ihr freiwilliges Engagement für Pro Pallium derzeit aufgrund eines persönlichen Schicksals pausieren muss. «Im Jahr 2022 ist unser Enkelsohn mit einem schweren Herzfehler geboren. Er verbrachte fünf Monate im Kinderspital in Zürich, davon 131 Tage auf der Intensivstation.»

Bis anhin konnte sich Verena auf wirksame Strategien verlassen, um mit den schwierigen Schicksalen von Familien umzugehen und sich bewusst davon abzugrenzen. Bei der eigenen Familie jedoch sei sie Teil des Systems und eine Abgrenzung unmöglich. Deshalb habe sie Pro Pallium um eine Pause gebeten, um ihre Tochter und deren Partner zu unterstützen. Die jüngere Tochter brachte dann vor 7 Monaten den zweiten Enkel auf die Welt. «Dankbar und stolz nehme ich nun die Grosi-Pflichten für zwei Jungs wahr.»

«Humor bedeutet nicht, ständig Witze zu reissen»


Dennoch bleibt sie Pro Pallium erhalten, in anderer aber ebenso wichtiger Mission: Seit 2024 ist nämlich das Thema Humor Bestandteil der mehrtägigen Basisschulung für angehende Freiwillige der Stiftung. Während zwei Stunden vermittelt Verena den Auszubildenden die Theorie und Praxis rund ums Thema «Lachen als Energiequelle». «Wir sprechen etwa darüber, was Lachen konkret in unserem Körper auslöst, was ein humorvolles Klima im Alltag bewirken kann und wie wichtig der therapeutische Wert des Humors im Gesundheitssystem ist». In einem zweiten Teil geben wir unserem inneren Clown mit einfachen Spielen die Gelegenheit, sich zu zeigen.» Doch braucht es überhaupt Humor in der Basisschulung für psychosoziale Entlastungsarbeit? «Unbedingt!», findet Verena. «Unser Lächeln ist die natürlichste ‹Waffe› der Welt. Humor bedeutet nicht, eine aufgesetzte Fröhlichkeit zu trainieren und ständig Witze zu reissen, sondern auch in stürmischen Zeiten über seine Schwächen schmunzeln zu können».

Unterwegs als Gordula the Clown: Verena Singer, Freiwillige von Pro Pallium